Die 20er Jahre im vorigen Jahrhundert waren für die einen wild, für die anderen golden. Was in den gerade angebrochenen 20er Jahren auf die Menschen zukommt, kann noch keiner zuverlässig sagen, nur prognostizieren.

Frei nach Erich Kästner: Die Zeit fährt Auto

Mit den 20ern des vorherigen Jahrhunderts hat die Mode begonnen, unser Leben mehr oder minder in Zehn-Jahres-Schritten zu vermessen. Hier hat das 20. Jahrhundert so richtig Tempo aufgenommen. Und dieses Tempo wird ständig erhöht. Nur vermutlich ganz anders als damals. „Die Zeit fährt Auto“ – so brachte Erich Kästner die vielfachen Veränderungen in Politik, Technik, Kultur und Lebensstil nach dem Ende der Monarchien in Mitteleuropa auf den Punkt. 100 Jahre später geht es eher darum, die Geschwindigkeit in Datendurchsätzen zu messen. Nebenbei stellt sich die Frage, ob Autofahren überhaupt bald noch ein angemessenes Verhalten sein kann. Neben dem Klimawandel ist die Digitalisierung eine zentrale Herausforderung im neuen Jahrzehnt.

Das Zauberwort heißt Disruption

Mit der Digitalisierung ist es wie mit dem Klimawandel: Man kann sich dem nicht entziehen, es braucht jedoch entsprechende Strategien. Das Zauberwort des 21. Jahrhunderts heißt daher Disruption. Deren Auswirkungen zieht sich durch alle Branchen. Die digitale Transformation hat dazu geführt, dass wir die erste Generation in der Geschichte der Menschheit sind, die ihre Gegenwart grundlegend verändert hat. Jeder andere Technologiesprung der Vergangenheit hat immer erst die nachfolgenden Generationen verändert. Auf das Thema digitale Disruption werde ich zu einem späteren Zeitpunkt in unserem RelevanzMacher Blog allerdings noch detaillierter eingehen. Diese sei hier nur kurz erwähnt, da sie zu den zentralen digitalen Herausforderungen in diesem Jahrzehnt gehört.

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde

Keine andere Abkürzung beherrscht die Technologiebranche so sehr wie die Buchstaben KI. Basis dafür sind sauber strukturierte Daten und deren Austausch. Zugleich bedeutet es einen Kulturwandel in der firmeninternen Zusammenarbeit: Nur wer die richtigen Fragen stellt, kann die richtigen Antworten bekommen und ggf. neue Geschäftsfelder aufdecken. Das bedeutet, dass die Kompetenzen Statistik/Stochastik, Datenmodellierung, Retail- und Kundenanalyse wesentlich enger zusammenrücken müssen. Hier ist die Rede von Data Science, in vielen Branchen ist dieses Thema jedoch noch nicht ausreichend ausgebildet:

Gegenwärtig werden so viele Inhalte wie nie zuvor produziert. Studien zufolge wurden allein im Jahr 2017 weltweit mehr Daten generiert als in allen 5.000 Jahren davor zusammengenommen. 2020 werden 200 Milliarden Geräte, Sensoren und sonstige Maschinen rund um den Erdball via Internet vernetzt sein. All diese erzeugen ständig Daten, durch die ein Content Schock entsteht. Menschen können diese enorme Masse an Daten nicht mal mehr ansatzweise auswerten. Es braucht also Künstliche Intelligenz, um wirklich Relevantes herauszufiltern.

Was kommt jetzt? Wann ist Peak Data erreicht?

Jeder Trend hat einen Tipping- Point: Das gilt auch für Daten.

In diesem Jahrzehnt wird die Datenflut weiter zunehmen, aber es ist auch die Frage, ob Daten „weniger“ werden müssen. Was sich sicherlich verändern wird, ist der Aufwand, der betrieben werden muss, um aus den Daten echte Informationen, Erkenntnisse und Wirkungen zu gewinnen. Der Extremismus der Datensammelei kommt an seine Grenzen und es wird sich zeigen, dass die Künstliche Intelligenz vor allem ein Hype ist. Wir stehen zwar kurz vor dem Quantencomputer, aber wir fragen uns auch, was wir damit eigentlich errechnen sollen. Auch wenn alles unmittelbar errechnet werden kann, so wird die Welt dadurch nicht fundamental anders oder gar besser.

Die 20er Jahre werden also auch das Jahrzehnt des digitalen Aufräumens werden und von vernünftigeren und menschlicheren Anwendungen geprägt sein.

Computer Vision – Bild­auswer­tung durch Muster­er­kennung

Noch nie hat es so viele Kameras auf der Welt gegeben wie in der heutigen Zeit. 2017 wurden allein durch Smartphones weltweit 1,2 Billionen Bilder erzeugt, hinzu kommen unzählige Filme von Überwachungskameras etc. Mit Einführung autonomer Fahrzeuge wird die Bildmenge unsere Welt in Echtzeit darstellen können. KI erlaubt es inzwischen, durch Mustererkennung die Inhalte dieser Bilder auszuwerten und daraus selbstständig Schlüsse zu ziehen. Ob Diebstahlüberwachung, Regallückenerkennung oder Vorhersagen von Kaufwünschen – alles basiert dann auf der intelligenten Auswertung von Bildern.

Voice Search und Voice Commerce werden die digitale Welt revolutionieren

Es ist spannend zu beobachten, wie sich die Mensch-Maschine-Interaktion immer mehr in Richtung Sprache entwickelt. Wir fragen unser Smartphone nach der Uhrzeit, steuern mit einer Dame namens Alexa unsere Beleuchtung und sagen unserem Auto-Navi, wo wir hin möchten. Mit all diesen Anwendungen werden die Menschen immer weiter in Richtung Voice-Interaktion gepusht.

Mein Sohn wird mich in 15 Jahren auslachen, wenn ich ihm erzähle wie wir heute online eingekauft haben. Wir starten einen Computer, danach einen Browser und müssen umständlich eine Adresse über Tastatur in ein Feld eingeben. Anschließend öffnet sich ein virtueller Shop, der mir Hunderttausende von Produkten vorschlägt und in dem ich mich schon wieder anmelden muss. Das Lustige: Ich muss als Kunde die Produkte erst suchen, die der Händler mir verkaufen will. Voice Commerce wird das alles radikal ändern. Nicht heute, aber morgen, und das besonders effektiv im Zusammenspiel mit KI und Computer Vision.

Was wird aus Trends der vergangenen Jahre?

Google, Amazon, Apple und Facebook werden in zehn Jahren nicht mehr die wertvollsten Firmen sein. Es werden normale Konzerne sein, um die der Hype vorbei ist. Neue, innovativere Firmen werden entstehen und sich an die Spitze der Wirtschaft setzen.

Das Smartphone hat das letzte Jahrzehnt maßgeblich geprägt und zur Verschmelzung von online und offline geführt. Wird dieser Trend weitergehen, etwa mittels neuer Technologien wie Augmented Reality?

Die Augmented-Reality-Projekte wie Google Glass sind quasi gescheitert – außer in Spezialanwendungen wie etwa der Logistik. Der Mensch ist überfordert, wenn er sich ständig in virtuellen Welten herumtreibt. Hier geht der Trend klar in Richtung „maßvolle Vernetzung“. Das Abschalten ist die Kulturtechnik, die wir gerade neu erlernen (müssen).

Augmented Reality war im letzten Jahrzehnt einfach noch nicht weit genug. Wenn es AR-Brillen gibt, die einwandfrei funktionieren, wird dasselbe passieren, wie mit dem Smartphone. Augmented Reality reiht sich bisher ein in die lange Reihe der „Future Flops“. Anwendungen, die uns als Lösungen versprochen werden, aber nur mehr Probleme schaffen oder eben einfach in Nischen stecken bleiben.

Das Motto der Digitalisierung im neuen Jahr­zehnt lautet: The Winner takes it all!

Zugegeben, auch wenn die 20er mit der größten bisher da gewesenen Pandemie durch COVID-19 nicht gerade golden gestartet sind, so werden wir dieses Jahrzehnt noch viele Überraschungen und Innovationen, gerade im digitalen Bereich, erleben.

Fakt ist: Die Entwicklung der Digitalisierung ist nicht linear, sondern exponentiell. Die „Fast Follower Strategie“ aus dem letzten Jahrzehnt funktioniert nicht mehr – „The Winner takes it all“ ist angesagt.

Eines kann sich jedenfalls nicht erlaubt werden: Abwarten. In der Digitalisierung gilt leider ein erbarmungsloses Gesetz: Es gibt keinen Zweiten, sondern nur Verlierer hinter dem Ersten. Also: Don‘t wait, innovate!

 

Als Anhang noch das Gedicht von Erich Kästner: Die Zeit fährt Auto (1928)

Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen.

Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit.

Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen.

Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken.

Der Globus dreht sich. Und wir drehen uns mit.

 

Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken.

 

Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei.

Minister sprechen oft vom Steuersenken.

Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken?

Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.

Die Käufer kaufen. Und die Händler werben.

Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht.

 

Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben.

Was gestern war, geht heute schon in Scherben.

Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht.

Claudia Hoffmann

Claudia befasst sich als Analystin täglich mit riesigen Datenmengen und interessiert sich zudem für die Veränderungen in der digitalen Branche. Auch darüber werdet ihr im Blog lesen können.

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